"Barfuß", Das Neue Deutschland - Kritik!
Ein Opfer auf dem Weg
Arthur K. will seinen Zuhörern in die Augen sehen, während er aus seinem Leben erzählt. Das ist nicht unbedingt angenehm. Zwar ist es zum einen etwas Herausforderndes, Suchendes, zum anderen aber Qual, die man nicht sehen oder teilen möchte. Der 29-jährige Werbefachmann im Paris der 80er Jahre sucht nach seinem Weg. Er ist erfolgreich, liebt seine Frau und könnte zufrieden sein. Aber es treibt ihn etwas Dunkles an. Rein zufällig – wie er sagt – ist er per Computer auf eine Sadisten-Kontaktseite gekommen. Nun will er es wissen und sucht Kontakt. Nachdem er diesen hergestellt hat, kann er sein Schicksal nicht mehr abwenden. Kein Weg führt zurück. Er wird zum Opfer.
Jörn Mensching inszenierte das 80-minütige Einpersonenstück »barfuß« nach einer Novelle von Michael Kleeberg. Zu sehen war die Arbeit der Gruppe post it productions auf der Brotfabrikbühne in Weißensee. Barfuß zu gehen, steht in der inhaltlichen Auseinandersetzung, der sich Arthur K. in seinem Monolog stellt, für Freiheit wie für Untergebenheit gleichermaßen. Dazwischen schleudert es den Variantendenker hin und her – bis er seine Grenzen findet.
Eine schwierige Rolle, die Schauspieler Oliver Haller meistert. Man spürt, dass er klug genug ist, zu wissen, dass er während seines Spiels als Arthur K. niemals das ganze Publikum auf seine Seite ziehen kann. Nachvollziehbar ist zwar die seinerzeit in den Anfängen steckende Möglichkeit, sich einen Partner im Internet zu suchen. Das wird heute in der Werbung derart gepriesen, dass man den Eindruck gewinnen könnte, die Wohnung dafür gar nicht mehr verlassen zu müssen. Wird alles frei Haus geliefert. Die andere Sache aber ist die komplizierte seelische Lage, in der sich diese Bühnenfigur befindet, ohne sich jemandem anvertrauen zu können, der nicht seinen Nutzen daraus ziehen will.
Eine gelungene Gratwanderung wiederum vollzieht Regisseur Jörn Mensching mit dem Voyeurismus, zu dem er die Zuschauer letztlich einteilt. Kompliziert ist das bei dieser Sache, die sonst auf Bühnen kaum eine Rolle spielt. Umso mehr kann man bewundern, wie sauber ihm das gelingt. Diese Inszenierung ruft in jedem Fall Emotionen hervor, über die man nur mutmaßen kann. Das Spektrum dürfte sehr groß sein und von Sehlust bis zu drohender Seelenverkühlung reichen.
So hoch es allen hier Beteiligten anzurechnen ist, sich mit Können auch solch einem Thema zuzuwenden, so angenehm ist zu wissen, dass es für ihre Vielseitigkeit spricht und nicht das Schaffen der Künstler generell prägt, wie man es bei finsteren Geschichten auch mitunter erleben kann. Regisseur Mensching beispielsweise bewies schon in anderen Produktionen seinen Sinn für schwarzen Humor, den er in seiner Adaption der Novelle bewusst außer Acht zu lassen in der Lage ist. Den Schauspieler Oliver Haller sah man unter anderem schon gut im Stück »Finnisch« von Martin Heckmanns, das von unfreiwilliger männlicher Komik geprägt ist. Und vom Schriftsteller Michael Kleeberg hat sogar die Puppenbühne Hans Wurst Nachfahren die von Barbara Kilian dramatisierte Version der Geschichte »Der Kommunist vom Montmartre« im Repertoire.
Von Lucía Tirado 27.05.2010 / Berlin / Brandenburg
Brotfabrik
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